Verändertes Pendelverhalten seit Pandemie

Wie hat sich das Pendelverhalten von Erwerbstätigen nach der COVID-19-Pandemie verändert? Eine aktuelle Auswertung des Research Lab for Urban Transport (ReLUT) der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) zeigt: Die Arbeitsmobilität in Deutschland und Hessen ist im Umbruch. Während die Möglichkeit für Homeoffice bis 2023 stark zugenommen hat und insgesamt weniger Pendelwege zurückgelegt wurden, dauerten die Wege zur Arbeit im Durchschnitt länger.

Die Auswertung ist Teil des Forschungsprojekts ComCost, bei dem die Kosten des Pendelns und deren Einfluss auf Pendelentscheidungen ermittelt werden. Dies soll ein besseres Verständnis der sozialen, ökonomischen und infrastrukturellen Faktoren des Pendelns ermöglichen. Das Projekt wird aus Mitteln des Landes Hessen und der HOLM-Förderung im Rahmen der Maßnahme „Innovationen im Bereich Logistik und Mobilität“ des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum gefördert. Die im Projektbericht veröffentlichten Ergebnisse des Forschungsteams basieren auf eigenen Auswertungen der repräsentativen Mobilitätserhebungen „Mobilität in Deutschland“ (MiD)1 aus den Jahren 2002, 2008, 2017 und 2023. Diese führt das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH mit Kooperationspartnern im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr (BMV) durch. Im Fokus der Auswertungen der Frankfurt UAS standen Veränderungen des Pendelns vor und nach der Pandemie mit einem besonderen Vergleich zwischen Hessen und dem Bundesdurchschnitt.

Homeoffice prägt den Arbeitsalltag nachhaltig

Seit dem Jahr 2017 hat sich demnach der Anteil der Erwerbstätigen mit Homeoffice-Möglichkeit mehr als verdreifacht. Im Jahr 2023 konnten bundesweit rund 42 Prozent der Beschäftigten zumindest teilweise von zu Hause aus arbeiten. In Hessen lag der Anteil sogar bei gut 50 Prozent. Diese Entwicklung geht mit einer geringeren Zahl täglicher Arbeitswege einher und trägt dazu bei, dass mehr Menschen an einem durchschnittlichen Stichtag gar nicht mobil sind.

Weniger Pendelwege, sinkende Verkehrsleistung

Der Anteil der Arbeitswege an allen täglichen Wegen ist im Erhebungsjahr nach der COVID-19-Pandemie im Vergleich zu 2017 zurückgegangen. Entsprechend hat sich auch das Verkehrsaufkommen des Pendelns verringert. In Deutschland sank die Zahl der Pendelwege von rund 42 Millionen pro Tag im Jahr 2017 auf etwa 37 Millionen im Jahr 2023. In Hessen fiel der Rückgang von 3,2 auf 2,5 Millionen Wege pro Tag noch deutlicher aus. Auch die insgesamt zurückgelegten Personenkilometer im Pendelverkehr nahmen der Auswertung zufolge spürbar ab.

Durchschnittliche Distanzen sinken, doch „typische“ Wege werden länger

Die durchschnittliche Länge der am Stichtag zurückgelegten Pendelwege ist seit der Pandemie leicht gesunken. Gleichzeitig ist jedoch die „typische“ Pendeldistanz, gemessen am Median, gestiegen. „Dieses scheinbare Paradox lässt sich unter anderem durch den verstärkten Einsatz von Homeoffice erklären. Personen mit sehr langen Arbeitswegen pendelten 2023 seltener und waren daher an Befragungstagen häufiger nicht unterwegs als vor der Pandemie. Für viele Beschäftigte im mittleren Bereich der Verteilung haben sich die täglichen Wege dennoch verlängert“, so Prof. Dr. Tobias Hagen, Projektleiter der Frankfurt UAS.

Längere Pendelzeiten trotz durchschnittlich kürzerer Pendeldistanzen am Befragungstag

Der Auswertung zufolge hat zudem die durchschnittliche Dauer der Arbeitswege weiter zugenommen, ein Trend, der seit der ersten Befragung 2002 zu beobachten ist. In Hessen stieg sie von knapp 29 Minuten im Jahr 2017 auf über 30 Minuten im Jahr 2023. Auch bundesweit ist der Auswertung zufolge ein Anstieg der Pendelzeiten zu beobachten. Mögliche Ursachen dafür sind Veränderungen in der Verkehrsmittelwahl, höhere Stauanfälligkeit sowie längere Reisezeiten im öffentlichen Verkehr.

Verschiebungen bei der Verkehrsmittelwahl

In Hessen ist die Nutzung des Motorisierten Individualverkehrs beim Pendeln seit der Zeit vor der Pandemie leicht zurückgegangen, aber stärker als im bundesweiten Durchschnitt. Gleichzeitig steigen in Hessen von 2017 auf 2023 die Anteile von Fahrrad und öffentlichem Personenverkehr, auch wenn deren Verkehrsleistung insgesamt rückläufig ist. Diese Entwicklungen deuten auf einen allmählichen Strukturwandel im Pendelverkehr hin, der durch veränderte Arbeitsformen und verkehrspolitische Rahmenbedingungen beeinflusst wird.

Soziale Unterschiede bleiben sichtbar

Die Analysen zeigen weiterhin deutliche Unterschiede im Pendelverhalten nach Geschlecht, Erwerbsumfang und ökonomischem Status. Frauen haben im Durchschnitt kürzere Arbeitswege als Männer, Teilzeitbeschäftigte kürzere als Vollzeitbeschäftigte. Personen mit niedrigerem ökonomischem Status benötigen für vergleichsweise kurze Wege häufig mehr Zeit, was auf Unterschiede in den verfügbaren Mobilitätswerkzeugen (zum Beispiel: Führerscheinbesitz oder Autoverfügbarkeit) hinweist.

„Die Daten zeigen einen strukturellen Wandel. Im Durchschnitt sinken die Pendeldistanzen am Stichtag leicht, da Erwerbstätige mit langen Wegen mit höherer Wahrscheinlichkeit Homeoffice nutzen. Gleichzeitig werden typische Distanzen zwischen Wohn- und Arbeitsort länger und die Pendelzeiten steigen. Das passt zu einer Arbeitswelt, in der Homeoffice-Möglichkeiten das Pendeln unregelmäßiger machen“, fasst Projektleiter Hagen die Kernergebnisse zusammen. Mit Blick auf die Zukunft schränkt er aber ein: „Unsere Ergebnisse bilden die Lage bis 2023 ab, also eine Zeit, in der Homeoffice vielerorts stark genutzt wurde. Um zu bewerten, wie sich die inzwischen teils stärkere Begrenzung von Homeoffice auswirkt, werden neuere Daten benötigt.“

Das Forschungsprojekt mit dem Titel „ComCost – Pendelkosten und deren Einfluss auf Pendelentscheidungen“ läuft noch bis Juni 2026.

Zum Projektbericht geht es hier

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