Martin Timmann ist Geschäftsführer bei HanseCom. Im Interview erläutert er, was eine moderne Mobilitätsplattform auszeichnet, weshalb sich der ÖPNV für Drittangebote öffnen muss und warum die Tage des Dienstwagens gezählt sind.
Nahverkehrs-praxis: Herr Timmann, viele Verkehrsunternehmen planen die Einführung einer Mobilitätsplattform oder haben sogar schon erste Projekte gestartet. Was verstehen Sie unter eine Mobilitätsplattform – insbesondere im Unterschied zu einer Mobilitäts-App?
Timmann: Eine moderne Mobilitätsplattform bietet Verkehrsunternehmen eine zentrale Datendrehscheibe für individualisierte und innovative Mobilitätsangebote – und damit die Basis für ganz neue Mobilitätserfahrungen ihrer Kunden. Sie integriert Kundendaten, Tarife, Ticketing, Routing, Echtzeitinformationen und Abrechnung und steuert alle
beteiligten Systeme und Prozesse im Hintergrund. Über offene Schnittstellen lassen sich beliebige Mobilitätsangebote von Drittanbietern wie Carsharing, Ride-Hailing oder E-Scooter sowie Services wie Freizeit-, Park- oder Stromtickets anbinden. Die Mobilitätsplattform stellt die Daten für verschiedene Kunden-Frontends bereit. Eine Mobilitäts-App ist dabei eines von mehreren möglichen Frontends.
Nahverkehrs-praxis: Wie profitieren Verkehrsunternehmen und Fahrgäste von einer solchen Plattform?
Timmann: Verkehrsunternehmen erhalten die technologische Basis dafür, sich zum service- und kundenorientierten Mobilitätsanbieter zu wandeln. Nur durch diese Transformation können sie sich als moderner Dienstleister positionieren und damit in Zukunft Mobilität in ihrer Region orchestrieren. Fahrgäste profitieren von mehr Flexibilität, Individualität und Komfort. Durch digitale Vertriebskanäle sind sie unabhängig von Verkaufsstellen oder Automaten und können verschiedene Mobilitätsangebote über einen „Provider“ nutzen.
Nahverkehrs-praxis: Warum ist es so wichtig, dass der ÖPNV Mobilitätsangebote von Fremdanbietern integriert?
Timmann: Konsumenten sind aus der digitalisierten Welt die Integration unterschiedlicher Angebote und Services gewöhnt. Diese Erfahrungen schlagen sich auch in ihren Erwartungen an den öffentlichen Personennahverkehr nieder. Sie möchten heute komplette Reiseketten lückenlos buchen können, ohne sich dafür mit x verschiedenen Systemen auseinandersetzten zu müssen. Und zu diesen Reiseketten zählt neben dem U-Bahn-Ticket eben auch der E-Scooter, das Carsharing-Auto oder die Buchung des Parktickets. Deshalb muss sich der ÖPNV für Fremdangebote öffnen. Mithilfe einer offenen, modularen Mobilitätsplattform können Verkehrsunter-nehmen ihren Kunden sogar noch mehr anbieten: nämlich die Buchung von Aktivitäten am Ziel ihrer Reisekette, etwa die Eintrittskarten für ein Konzert, ein Fußballspiel oder den Zoo. Zudem ermöglicht sie auch die Realisierung neuer Mobilitätskonzepte.
Nahverkehrs-praxis: Was ist unter neuen Mobilitätskonzepten zu verstehen?
Timmann: Ein Beispiel dafür sind etwa so genannte Mobilitätsguthaben als moderne Alternative zum traditionellen Dienstwagen. Dabei bieten Unternehmen ihren Mitarbeitern die Möglichkeit, über eine spezielle App neben ÖPNV-Tickets unterschiedliche Mobilitätsdienste im Rahmen eins Mobilitätsguthabens individuell auszuwählen. Das spricht vor allem die digital-affine jüngere Generation an. Sie wünscht sich eine flexible und nachhaltige Mobilität und benutzt statt eines Taxis auch schon mal einen E-Scooter. Der Dienstwagen als Statussymbol hat bei dieser Mitarbeitergeneration ausgedient.
Nahverkehrs-praxis: Wo liegen die größten Herausforderungen bei der Einführung einer Mobilitätsplattform?
Timmann: Ist sie modular aufgebaut und bringt offene Schnittstellen mit, liegen die größten Herausforderungen weniger in technischen als vielmehr in fachlichen und organisatorischen Themen. Die Einbindung von Drittangeboten ist wie gesagt extrem wichtig. Bei der Ausgestaltung der entsprechenden Verträge sollten Verkehrsunternehmen darauf achten, dass die Hoheit über die Kundendaten bei ihnen verbleibt, denn sie sind das wertvollste Gut der Verkehrsunternehmen. Nur wenn der ÖPNV die Kontrolle über die Daten der eigenen Kunden behält, kann er langfristig den Zugang zum Kunden wahren und sich im Mobilitätsmarkt durchsetzen.
Nahverkehrs-praxis: Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Wie wird städtische Mobilität in fünf Jahren aussehen?
Timmann: Sie wird multimodal, flexibel und hochindividuell sein. Steigende Spritpreise, ein knappes Parkplatzangebot und die Verschärfung der Abgasrichtlinien werden es endgültig unattraktiv machen, mit dem eigenen Auto in die Stadt zu fahren. In den Ballungsgebieten wird sich stattdessen ein Mix von Verkehrssystemen durchsetzen, der neben Bus und Bahn auch Carsharing, Ridesharing, Leihfahrräder, Ruf-Taxis oder On-Demand-Dienste umfasst. Jeder Fahrgast, der von A nach B will, wird dabei in jeder Situation prüfen, welche Verkehrsmittel für seine konkrete Route gerade zur Verfügung stehen, ihm das schnellste Fortkommen versprechen und sie spontan miteinander kombinieren. Mobilitätsplattformen, die all diese Verkehrsmittel bündeln und den Fahrgästen integriert zur Verfügung stellen, werden dabei eine Schlüsselrolle spielen.
Nahverkehrs-praxis: Herr Timmann, vielen Dank für das Gespräch.
- Shoppen, buchen, chatten: Die Menschen organisieren immer mehr Alltagsaufgaben mit ihrem Smartphone darauf muss sich auch der ÖPNV einstellen. (Bild: iStock.com/ Natee Meepian; 123rf.com/ Radisa Zivkovic).
- Durch den modularen Aufbau lassen sich auch Fremdanwendungen wie Navigationssysteme in eine Mobilitätsplattform integrieren und so neue Kundengruppen erschließen. (Bild: HanseCom)



