Der Fahrgastverband Pro Bahn Mitteldeutschland warnt vor einem deutlichen Abbau des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in Sachsen. Aktuelle Beschlüsse in Chemnitz, im Landkreis Bautzen sowie geplante Maßnahmen in Dresden zeigen: Zur Haushaltskonsolidierung wird zunehmend bei Bus und Bahn gekürzt – mit erheblichen Folgen für Fahrgäste und Regionen.
Der Chemnitzer Stadtrat hat beschlossen, das Angebot spürbar zu reduzieren, um jährlich rund 2,7 bis 2,9 Millionen Euro einzusparen. Geplant sind unter anderem geringere Taktungen sowie ein früher einsetzender Nachtfahrplan bereits ab 22:45 Uhr. „Der öffentliche Nahverkehr ist Teil der Daseinsvorsorge und darf nicht beliebig gekürzt werden“, erklärt Markus Haubold, Vorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn Mitteldeutschland. Er kritisiert: „Mit diesen Maßnahmen verzwergt sich eine Großstadt wie Chemnitz selbst. Dass ab 22:45 Uhr ganze Stadtteile vom städtischen Nahverkehr abgekoppelt werden, trägt einerseits nicht dazu bei, die Stadt für insbesondere junge Menschen ohne Auto attraktiv zu halten und andererseits ein grundlegendes Mobilitätsangebot für Schichtarbeitende zu bieten. Weniger Busse und längere Wartezeiten treiben Menschen zurück ins Auto“, so Haubold weiter.
Landkreis Bautzen: Kürzungen zur Gegenfinanzierung
Besonders kritisch bewertet der Fahrgastverband die jüngste Entscheidung des Kreistages Bautzen vom 31. Mai 2026. Um die Geburtshilfe am Krankenhaus Kamenz vorübergehend zu sichern, soll das ÖPNV-Angebot im Landkreis erheblich reduziert werden. Vorgesehen sind Kürzungen insbesondere im Wochenend‑ und Ferienverkehr – insgesamt etwa ein Viertel des Angebots. „Hier werden zwei zentrale Bereiche der Daseinsvorsorge gegeneinander ausgespielt“, kritisiert Moritz Filter, Sprecher für Ostsachsen des Fahrgastverbands Pro Bahn Mitteldeutschland. „Gesundheitsversorgung und Mobilität dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden – beides ist gleichwertig notwendig für lebenswerte Regionen.“ Die gewählte Gegenfinanzierung sendet ein fatales Signal: Der ÖPNV werde als kurzfristig verzichtbare Größe betrachtet. „Gerade im ländlichen Raum ist ein verlässlicher Nahverkehr entscheidend für soziale Teilhabe, Arbeitswege und die Erreichbarkeit von Versorgungseinrichtungen“, betont Moritz Filter. „Wer hier kürzt, schwächt die Region nachhaltig.“
Dresden: Umfangreiche Kürzungen im Raum
Auch in der Landeshauptstadt Dresden stehen weiter einschneidende Sparmaßnahmen im Raum. Aufgrund steigender Kosten und Finanzierungslücken prüfen die Dresdner Verkehrsbetriebe umfangreiche Kürzungen im Liniennetz und bei Taktzeiten. Diskutiert werden unter anderem die Einstellung einzelner Bus- und Straßenbahnlinien, deutliche Taktreduzierungen sowie Einschnitte im gesamten Netz. Michael Koch, Referent für Dresden und stellvertretender Bundesvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn warnt: „Ein reduziertes Angebot verschärft die finanziellen Probleme nur weiter, weil Fahrgäste verloren gehen.“ Dieser Ansicht folgt auch das Bündnis “Mobilität für alle”, in dem sich der Fahrgastverband Pro Bahn engagiert und das ebenfalls gegen Kürzungen im Dresdner ÖPNV kämpft.
Mobilität sichern – Regionen stärken
Die aktuellen Entwicklungen in Sachsen zeigen aus Sicht des Fahrgastverbands eine klare Fehlentwicklung. „Wir erleben einen Kahlschlag im sächsischen ÖPNV“, so Haubold. Der Fahrgastverband Pro Bahn weist darauf hin, dass ein attraktives Mobilitätsangebot weit über klimapolitische Ziele hinausgeht: Gerade in Regionen mit stagnierenden oder sinkenden Bevölkerungszahlen ist ein leistungsfähiger ÖPNV ein zentraler Standortfaktor. „Guter Nahverkehr entscheidet heute maßgeblich darüber, ob Menschen in einer Region bleiben oder wegziehen“, betont Markus Haubold. „Wer Bus- und Bahnangebote ausdünnt, schwächt die Attraktivität von Städten und ländlichen Räumen gleichermaßen und zahlt am Ende einen deutlich höheren Preis.“ Pro Bahn fordert daher Bund, Land und Kommunen auf, die Finanzierung des ÖPNV langfristig zu sichern und Kürzungen zu stoppen. „Ein attraktiver Nahverkehr ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Entwicklung“, so Haubold. „Er ist zugleich ein entscheidender Faktor für die Zukunftsfähigkeit unserer Regionen. Wer hier spart, zahlt am Ende einen deutlich höheren Preis.“









