Kennzahlen unterstreichen zentrale Rolle von Bus und Bahn in der Klimapolitik
Von Martin Schmitz, VDV-Geschäftsführer Technik
Die Jahre, in denen man in der öffentlichen Wahrnehmung am Klimaschutz nicht vorbeikam, sind lange vorbei. Gleichwohl: Dieses herausragende Problem ist weiterhin ungelöst. Die Zahlen sprechen eine eindrückliche Sprache: Der Verkehrssektor hat im Jahr 2024 insgesamt 144,2 Millionen Tonnen CO₂ Äquivalente ausgestoßen. Damit liegt er weiterhin über dem vorgesehenen Zielpfad. Wenn die bisherigen Maßnahmen unverändert fortgeführt werden, wird bis 2030 eine kumulierte Zielverfehlung von 169 Millionen Tonnen CO₂ Äquivalenten erwartet. Für die Sektoren Verkehr und Gebäude zusammen wird im Zeitraum 2021 bis 2030 sogar eine Überschreitung der europäischen Lastenteilungsziele in Höhe von 224 Millionen Tonnen CO₂ Äquivalenten prognostiziert. Diese Zahlen machen deutlich, dass der Verkehrssektor vor großen Herausforderungen steht. Gleichzeitig zeigen andere Kennzahlen, dass insbesondere Bus und Bahn bereits mitten in einer tiefgreifenden Transformation stehen.
Elektrifizierung der Busflotten ist Realität
Die Elektrifizierung der Busflotten – die Mobility Move steht vor der Tür – ist im öffentlichen Personennahverkehr inzwischen im Regelbetrieb angekommen. In den VDV-Mitgliedsunternehmen wurden mit Hilfe verschiedener Förderprogramme fast 5.000 Busse mit alternativen Antrieben in den täglichen Einsatz gebracht. Das entspricht rund zehn Prozent der gesamten Linienbusflotte in Deutschland.
Unter den alternativen Antrieben befinden sich vor allem lokal emissionsfreie Fahrzeuge. Der Schwerpunkt der Transformation liegt klar auf der lokalen Emissionsfreiheit. Ein Anteil von zehn Prozent zeigt, dass es sich nicht mehr um einzelne Pilotprojekte handelt, sondern um eine breit angelegte Modernisierung der Flotten.
4.785 lokal emissionsfreie Busse bundesweit
Bundesweit sind derzeit 4.785 lokal emissionsfreie Busse im Einsatz. Davon sind 4.319 Batteriebusse und 466 Brennstoffzellenbusse. Bei einem Gesamtbestand von rund 50.000 Linienbussen entspricht das einem Anteil von etwa zehn Prozent.
Durch weitere Neuzulassungen zum Jahreswechsel 2025 und 2026 sowie durch voraussichtlich mehr als 1.800 zusätzlich neu geförderte Busse steigt der Bestand rechnerisch auf rund 6.800 lokal emissionsfreie Busse. Damit wächst der Anteil an der Gesamtflotte auf rund 13 Prozent.
Der Anstieg von etwa zehn auf rund 13 Prozent innerhalb kurzer Zeit verdeutlicht, wie dynamisch sich die Elektrifizierung im Busbereich entwickelt. Da das aktuelle Förderprogramm, wie alle vorherigen auch schon überzeichnet waren, wäre sogar ein noch stärkerer Anstieg und Transformation möglich. Die ÖV-Branche ist vorbereitet die Transformation aktiv zu gestalten.
Klare Zielvorgaben bis 2035
Ab dem Jahr 2030 müssen 90 Prozent der neu in Verkehr gebrachten Stadtbusse emissionsfrei sein. Ab dem Jahr 2035 sollen es 100 Prozent sein. Für die vollständige Umstellung der Busflotten sowie für den Umbau der Infrastrukturen, der Beschaffung neuer Grundstücke, den Aufbau der Ladeinfrastruktur, der Beschaffung neuer Softwaretools etc. werden bis 2035 rund 15,5 Milliarden Euro an Bundesmitteln benötigt.
Diese Vorgaben zeigen, dass die Transformation politisch fest verankert ist. Die Verkehrsunternehmen richten ihre Beschaffungsstrategien bereits heute an diesen Zielen aus.
Vergleich mit E-Pkw Markt
Zum 1. Januar 2025 lag der Anteil reiner E-Pkw am Gesamtbestand in Deutschland bei rund 3,3 Prozent. Bei den Neuzulassungen im Jahr 2025 erreichte der Anteil rein elektrischer Pkw etwa 19,1 Prozent. Nach dem Förderende im Jahr 2024 hatte es zunächst einen Markteinbruch gegeben.
Hybride einschließlich Plug-in Hybride machten 2025 einen großen Teil der Neuzulassungen aus. Im Vergleich dazu liegt der Anteil lokal emissionsfreier Busse im Linienverkehr bereits heute bei etwa zehn Prozent bundesweit und bei rund 14 Prozent in den VDV-Mitgliedsunternehmen. Damit wird deutlich, dass der öffentliche Verkehr bei der Elektrifizierung im Verhältnis zum Bestand eine Vorreiterrolle einnimmt.
Politisches Ziel von 20.000 bis 25.000 klimaneutralen Bussen bis 2030
Im Klimaschutzprogramm wird eine Zielgröße von 20.000 bis 25.000 klimaneutralen Bussen bis 2030 genannt. Die derzeit vorgesehenen Fördermittel in Höhe von 420 Millionen Euro pro Jahr ermöglichen die Förderung von ca. 1.800 Bussen jährlich. Über fünf Jahre entspricht dies 9.000 zusätzlichen Elektrobussen. Um die von der Bundesregierung gesetzten Zielgröße von bis zu 25.000 Fahrzeugen zu erreichen, sind daher höhere Investitionen erforderlich. Die Branche ist technologisch vorbereitet, benötigt jedoch eine ausreichende finanzielle Unterstützung.
Höhere ÖV-Attraktivität wird zu weiteren Emissionsrückgängen beitragen
Das Gutachten zum Deutschlandangebot geht davon aus, dass für ein Ausbau Szenario im Bus, Tram und SPNV-Bereich 3,36 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich benötigt werden. Für ein Modernisierungsszenario werden 1,44 Milliarden Euro pro Jahr veranschlagt. Für den Ausbau des Bus-Angebotes in ganz Deutschland werden ca. 500 Millionen Euro pro Jahr veranschlagt. Im Ausbau Szenario wird ein Fahrgastwachstum von mindestens 30 Prozent erwartet. Mehr Fahrgäste bedeuten weniger Verkehr mit dem eigenen Auto und damit geringere Emissionen. Elektrifizierung und Angebotsausbau müssen daher zusammen gedacht werden.
12,3 Milliarden Euro für die Schieneninfrastruktur
Bis 2036 wird ein zusätzlicher Finanzierungsbedarf von rund 12,3 Milliarden Euro ermittelt. Davon entfallen 11,0 Milliarden Euro auf die Elektrifizierung des Schienennetzes und 1,3 Milliarden Euro auf Umschlagterminals im Kombinierten Verkehr. Eine moderne und elektrifizierte Schieneninfrastruktur ist Voraussetzung für eine nachhaltige Verkehrsverlagerung im Personen- und Güterverkehr.
Wirtschaftliche Bedeutung von Bus und Bahn
Jeder Euro, der durch Verkehrsunternehmen erwirtschaftet wird, ist mit einer zusätzlichen Wertschöpfung in Höhe von 2,10 Euro verbunden. Insgesamt generieren der öffentliche Personenverkehr und der Schienengüterverkehr 67,4 Milliarden Euro an Wertschöpfung. Mehr als 930.000 Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt von der Branche ab. Die Einkommen belaufen sich auf über 41 Milliarden Euro.
Diese Zahlen zeigen, dass Investitionen in Busse und Bahnen nicht nur dem Klimaschutz dienen, sondern auch wirtschaftliche Effekte erzeugen. So gibt die Begleitstudie des e-Bus Förderprogramms des BMV an, dass über 90 Prozent der Fördergelder bei deutschen bzw. europäischen Firmen investiert wurde und damit innovative Arbeitsplätze geschaffen bzw. gesichert hat.
Transformation braucht verlässliche Rahmenbedingungen
Wo stehen wir also in der Branche beim Klimaschutz? Bus und Bahn befinden sich mitten in einer technologischen und klimafreundlichen Transformation. Die Elektrifizierung der Flotten, der industrielle Hochlauf emissionsfreier Antriebe und die strategische Ausrichtung der Unternehmen zeigen, dass der Wandel operativ umgesetzt wird und nicht nur politisch angekündigt ist. Gleichzeitig bleibt der Handlungsdruck im gesamten Verkehrssektor hoch. Damit die bereits eingeleitete Entwicklung ihre volle klimapolitische Wirkung entfalten kann, braucht es verlässliche, langfristige und strukturell abgesicherte Rahmenbedingungen. Die Vorreiterrolle von Bus und Bahn ist real. Entscheidend ist nun, dass Politik und Finanzierungssysteme dieses Tempo dauerhaft unterstützen. Nur mit klarer Priorisierung, Planungssicherheit und investiven Spielräumen kann der öffentliche Verkehr seine zentrale Rolle für die Erreichung der Klimaziele nachhaltig erfüllen. Der öffentliche Verkehr ist vorbereitet und kann dazu beitragen, die Klimaschutzziele zu erreichen sowie einen wirtschaftlichen Impuls in die deutsche und europäische Wirtschaft geben.









