Klaus Oesterling, langjähriger Frankfurter Stadtverordneter, ehemaliger SPD-Fraktionsvorsitzender und Verkehrsdezernent der Stadt Frankfurt am Main, ist am Freitag, 7. August, gestorben. Er wurde 74 Jahre alt. Oesterling hat mehr als drei Jahrzehnte die Frankfurter Kommunalpolitik geprägt. Sein politisches Herzensthema war der öffentliche Nahverkehr. Die Stadt Frankfurt spricht seinen Weggefährtinnen und Weggefährten, seinen Freunden und all denjenigen, die ihm nah standen, ihre Anteilnahme aus.
„Mich hat die Nachricht vom Tod von Klaus Oesterling auch persönlich tief getroffen. Mit ihm verliert Frankfurt nicht nur ein demokratisches Urgestein und ich einen wichtigen Ratgeber und Freund. Klaus Oesterling war auf allen politischen Feldern versiert, aber vor allem in der Verkehrs- und Haushaltspolitik einer der brillantesten Köpfe, denen ich je begegnet bin“, sagt Oberbürgermeister Mike Josef. „In meiner Zeit als Stadtverordneter, noch neu im Parlament, habe ich oftmals stundenlang mit ihm telefoniert oder im Dienstzimmer mit großem Interesse seine Ausführungen aufgesogen. Er hatte ein breites Wissen und einen sehr scharfen Sachverstand. Ich habe dabei unglaublich viel über Politik und speziell die Frankfurter Stadtpolitik gelernt.“
„Er war Vorkämpfer für die ökologische Verkehrswende“
Oesterling gehörte seit 1989 der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung an. Von 2006 bis 2016 führte er die SPD-Fraktion im Römer. Zuvor war er Geschäftsführer der Fraktion. Als Fraktionsvorsitzender gehörte er über viele Jahre zu den profiliertesten Stimmen der Stadtpolitik. Er genoss zugleich über Parteigrenzen hinweg großen Respekt für seine Sachkenntnis.
2016 wechselte Oesterling in den hauptamtlichen Magistrat und wurde Verkehrsdezernent, was er bis 2021 blieb. In den fünf Jahren seiner Amtszeit trieb er zahlreiche Projekte des Frankfurter Nahverkehrs voran. Dazu gehörten die Regionaltangente West, die Verlängerung der U5 ins Europaviertel und zum Frankfurter Berg, die nordmainische S-Bahn, die U2-Verlängerung nach Bad Homburg, sowie der Lückenschluss der U4 zwischen Bockenheimer Warte und Ginnheim. Auch die Ringstraßenbahn und die Verlängerung der Straßenbahn nach Höchst gehörten zu den Vorhaben, für die er sich einsetzte.
Oesterling verstand Verkehrspolitik als Infrastrukturpolitik für eine wachsende Großstadt. Menschen sollten zuverlässig zur Arbeit, zur Schule, zum Einkaufen und in ihrer Freizeit unterwegs sein können. Besonders im Blick hatte er diejenigen, die auf Busse und Bahnen angewiesen sind. Gleichzeitig widersprach er einer Verkehrspolitik, die das Auto grundsätzlich zum Gegner erklärt. Auch außerhalb der Innenstadt, so seine Überzeugung, werde das Auto für viele Menschen auf absehbare Zeit unverzichtbar bleiben.
„Klaus Oesterling“, sagt Oberbürgermeister Josef weiter, „war ein Vorkämpfer für eine ökologische Verkehrswende und ein Sozialdemokrat mit einem klaren, auf Solidarität und sozialen Zusammenhalt gegründeten Welt- und Gesellschaftsbild. Ein leidenschaftlicher und rhetorisch großartiger Debattenredner, dabei aber nie persönlich verletzend, dafür immer deutlich und vor allem von tiefer Sachkenntnis geprägt. Er konnte einfach sagen, wie es ist und hat es verachtet, wenn versucht wurde Wahrheit und Fakten zu verdrehen. Er war ein Realist, aber ein Realist mit festen Überzeugungen. Er wollte eine gerechte und freie Gesellschaft, die niemanden ausgrenzt. Ein Frankfurt, das gegen Rassisten zusammensteht.“
Seine Amtszeit fiel zugleich in eine Zeit großer verkehrspolitischer Auseinandersetzungen: Nach jahrzehntelanger Diskussion wagte Oesterling den Versuch, den Mainkai für den Autoverkehr zu sperren. Die Maßnahme stieß auf erheblichen Widerstand und wurde nach einem Jahr wieder aufgehoben. Oesterling hielt dennoch daran fest, dass damit eine Debatte in Gang gesetzt worden sei, die Frankfurt weiter beschäftigen werde.
Ein ganz besonders enges Verhältnis zum Nahverkehr
Auch die roten Radfahrstreifen wurden zu einem sichtbaren Zeichen seiner Arbeit. Oesterling war kein klassischer Fahrradpolitiker und sah die Verkehrswende differenziert. Zugleich erkannte er die wachsende Bedeutung des Radverkehrs und setzte die Umsetzung des Frankfurter Radentscheids voran, nachdem mehr als 40.000 Frankfurterinnen und Frankfurter ihn unterstützt hatten.
Sein Engagement für Frankfurt war geprägt von einer tiefen persönlichen Verbundenheit mit der Stadt. Klaus Oesterling wurde am 22. April 1952 in Frankfurt geboren und wuchs in der Nordweststadt auf, wo er bis zuletzt lebte. Er studierte Mathematik. Sein besonderes Verhältnis zum öffentlichen Nahverkehr hatte auch familiäre Gründe: Sein Vater Helmut Oesterling war technischer Betriebsleiter der Stadtwerke und während des Baus der ersten Frankfurter U-Bahn-Strecke tätig. Als die Strecke von der Hauptwache zum Nordwestzentrum 1968 eröffnet wurde, war Klaus Oesterling dabei. Auch am 50. Jahrestag nahm er teil.
Die Faszination für U-Bahnen, Straßenbahnen und den Schienenverkehr begleitete ihn sein ganzes Leben. Oesterling kannte das Frankfurter Schienennetz wie kaum ein anderer und verfügte über ein außergewöhnliches Wissen über Strecken, Fahrpläne und technische Fragen des Nahverkehrs. Er galt als einer der wenigen Politiker, die Fahrpläne und Linienführungen auswendig kannten.
Diese Leidenschaft lebte er auch privat. Oesterling hatte keinen Führerschein und besaß kein Auto. Er war in Frankfurt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß und mit dem Fahrrad unterwegs – und nutzte auch auf Reisen Bahn und öffentlichen Verkehr. Die Liebe zur Schiene war für ihn nicht nur Gegenstand politischer Debatten, sondern Teil seines eigenen Lebens.



