Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) ist für ein Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern zentral für Schülerverkehre, Pendlerinnen und Pendler, ältere Menschen und vor allem für den Tourismus. Gleichzeitig steht das System unter hohem Druck: steigende Kosten, Fachkräftemangel, Investitionsstau – bei einer im Bundesvergleich sehr niedrigen Kostendeckung von nur 21 Prozent der Aufwendungen durch Fahrgeldeinnahmen und sonstige Erlöse.
Das neue Leistungskostengutachten des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) zeigt erstmals im Detail, wie sich Angebot, Nachfrage, Kosten und Finanzierungsbedarf im ÖPNV bis 2040 entwickeln – für Deutschland insgesamt und für jedes Bundesland. Zwei Szenarien – „Modernisierung 2040“ und „Deutschlandangebot 2040“ – machen deutlich: Ein stabiler, besserer Nahverkehr ist möglich, wenn Bund und Länder verlässlich investieren, auch in Mecklenburg-Vorpommern.
Ausgangslage: viel Bus, weite Wege, niedrige Fahrgelderlöse
2024 erbrachten die Verkehrsunternehmen in Mecklenburg-Vorpommern rund 124 Millionen Nutzfahrzeug- beziehungsweise Nutzzugkilometer – davon 82 Prozent im Busverkehr. Die Gesamtaufwendungen im ÖPNV beliefen sich auf 0,89 Milliarden Euro, davon wurden lediglich 0,20 Milliarden Euro über Fahrgelderlöse und sonstige Erträge gedeckt. Der verbleibende Finanzierungsbedarf wird aus öffentlichen Mitteln getragen. Im Landeshaushalt für den ÖPNV waren im Jahr 2025 rund 461 Millionen Euro eingeplant – davon stammen fast 88 Prozent aus Bundesmitteln, nur etwa 12 Prozent aus Landesmitteln. Damit setzt Mecklenburg-Vorpommern im Vergleich der 16 Bundesländer besonders wenig eigene Finanzmittel für den ÖPNV ein, obwohl dieser verfassungsrechtlich in die Verantwortung der Länder fällt.
Zwei Szenarien – was sie für Mecklenburg-Vorpommern bedeuten
Das Gutachten arbeitet mit zwei Entwicklungspfaden: „Modernisierung 2040“ und „Deutschlandangebot 2040“. Beide zeigen: Ohne zusätzliche Mittel geht es nicht – aber mit überschaubaren, stetig wachsenden Investitionen lässt sich der ÖPNV spürbar verbessern.
Szenario „Modernisierung 2040“ – das Mindestprogramm
- Ziel: heutiges Angebot stabil halten, Qualität und Zuverlässigkeit deutlich verbessern
- Leichte Angebotsausweitung (+1 Prozent), die Nachfrage geht demografisch bedingt um 1 Prozent zurück.
- Finanzierungsbedarf steigt von 0,69 Milliarden Euro auf 1,27 Milliarden Euro im Jahr 2040.
- Dafür sind im Schnitt +36 Millionen Euro pro Jahr nötig, davon 16 Millionen Euro allein durch Inflation.
Mit der Modernisierungsoffensive werden Fahrzeuge, Infrastruktur, Betriebshöfe und Werkstätten auf einen zeitgemäßen Stand gebracht – inklusive Umsetzung der Antriebswende bei Bussen und im SPNV. Das Angebot wird nur geringfügig erweitert, aber verlässlicher und komfortabler.
Szenario „Deutschlandangebot 2040“ – mehr Angebot, auch in der Fläche
- Aufbauend auf dem Szenario „Modernisierung 2040“: zusätzlich flächendeckende Taktverdichtungen, On-Demand-Verkehre und SPNV-Ausbau.
- Sitzplatzkilometer +12 Prozent, Nachfrage +8 Prozent bis 2040 – trotz schrumpfender Bevölkerung.
- Finanzierungsbedarf steigt auf 1,57 Milliarden Euro pro Jahr.
- Dafür nötig sind im Schnitt +55 Millionen Euro pro Jahr, also rund 19 Millionen Euro mehr als für die reine Modernisierung.
Besonders wichtig für Mecklenburg-Vorpommern: Die durchschnittliche ÖPNV-Güteklasse verbessert sich in diesem Szenario von Note 4,1 auf 3,2. Für mehr als ein Drittel der Menschen im Land wird die Erreichbarkeit um zwei Güteklassen besser, für knapp die Hälfte immerhin um eine Güteklasse – und zwar in allen Landkreisen.
Handlungsfelder für die Landespolitik in Mecklenburg-Vorpommern
Das Leistungskostengutachten für Mecklenburg-Vorpommern macht deutlich:
- Schon für die Modernisierung sind durchschnittlich 36 Millionen Euro jährlich zusätzlich nötig – davon 16 Millionen Euro pro Jahr allein inflationsbedingt.
- Für das Deutschlandangebot 2040 müssen im Schnitt 55 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich bereitgestellt werden.
- Bisher stammen rund 88 Prozent der ÖPNV-Mittel vom dem Bund – das Land ist also gefordert, seinen eigenen finanziellen Beitrag für den ÖPNV deutlich zu erhöhen, um für die Bürgerinnen und Bürgern bis 2040 ein adäquates Bus- und Bahnangebot in Mecklenburg-Vorpommern zu gewährleisten.









