Bild: Aachener Verkehrsverbund GmbH

Vertrauen in elektronische Tarife nicht verspielen

Der Fachausschuss Tarife und Fahrgastrechte des Fahrgastverbands Pro Bahn hat auf seiner jüngsten Sitzung die neuen Tarife im Rheinland und im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr analysiert. Das Ergebnis ist durchwachsen. Besonders kritisch sieht der Verband, dass die elektronischen Tarife in vielen Situationen nicht den günstigsten Tarif für Gelegenheitsfahrer und bei Fahrten mit Kindern sind. Damit wird Vertrauen in die neue digitale Tarifwelt verspielt.

Anfang Juni 2026 haben der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) sowie mit dem Rheinlandtarif die Verkehrsverbünde Rhein-Sieg (VRS) und Aachen (AVV) eine Tarifreform umgesetzt, die sowohl im herkömmlichen Tarif als auch im elektronischen eezy-Tarif Neuerungen für Fahrgäste bringt. Die Position des Fahrgastverbands Pro Bahn ist, dass Tarife so gestaltet werden sollten, dass für jeden Anwendungsfall immer nur eine Fahrkarte die Günstigste ist und damit das Rechnen bzw. das “Tarifabitur” entfallen können. Außerdem sollte die häufige Werbung der Branche, dass der elektronische Tarif der Günstigste ist, auch konsequent umgesetzt werden. Das ist beim eezy Tarif leider nicht der Fall. Die Analyse der beiden neuen Tarife ergab ein durchwachsenes Ergebnis.

Positiv im Rheinland-Tarif:

  • Der Preis der Tageskarte (24hTicket) für fünf Personen ist nicht mehr als zweimal der Preis für eine Person.
  • Der Preis der Preisstufe 2 ist nicht mehr als zweimal der Preis der Preisstufe 1(a/b). Hier braucht es keine Rechenkünste.

Mit Potenzial im Rheinlandtarif:

  • Der Preis der Tageskarte(24h-Ticket) ist höher als zwei EinzelTickets. Das bedeutet für Fahrgäste, dass aufwändig ermittelt werden muss, wann sich die Tageskarte lohnt.
  • Der Preis der Preisstufe 3 ist mehr als zwei Mal Preis der Preisstufe 2. Somit ist es zum Beispiel bei einer Fahrt von Alsdorf Annapark nach Düren mit Umstieg in Stolberg Hbf günstiger, die Fahrt in zwei Fahrten beim Umstieg aufzuteilen. Hier wäre es hilfreich, wenn die Preishöhe so gestaltet wird, dass die Option der Stückelung erst gar nicht in Frage kommt.

Positiv im VRR-Tarif:

  • Der Preis für die Tageskarte (24h Ticket) beträgt nicht mehr als zwei EinzelTickets. Damit sind für die meisten Anwendungsfälle weniger Vertriebsvorgänge erforderlich und für Fahrgäste die Entscheidung einfach.
  • Sehr günstiges EinzelTicket für Kinder in allen Preisstufen.

Mit Potenzial im VRR-Tarif:

  • Der Preis der Preisstufe B ist mehr als zwei Mal Preis der Preisstufe A und der Preis der Preisstufe C ist mehr als zwei Mal der Preis der Preisstufe B. Somit ist es zum Beispiel bei einer Fahrt von Ratingen Ost nach Dortmund mit Umstieg in Essen günstiger, die Fahrt in zwei Fahrten beim Umstieg aufzuteilen. Hier wäre es hilfreich, wenn die Preishöhe so gestaltet wird, dass die Option der Stückelung erst gar nicht in Frage kommt.

Positiv in beiden Tarifen:

  • Der monatliche Deckel für Einzelpersonen in der Höhe des monatlichen Abo-Preises für das Deutschland-Ticket.

Mit Potenzial bei beiden Tarifen:

  • Keine Tageskarte für alleinfahrende Kinder. Damit gibt es für alleinreisende Kinder nur die Vollzahler-Tageskarte als Option und erfordert eine Einzelrechnung, um das Preisoptimum zu ermitteln. Der Fall tritt auch ein, wenn Erwachsene eine Fahrtberechtigung haben und nur für das mitreisende Kind ein Fahrschein erforderlich ist. Das Angebot einer Kindertageskarte zum Preis von zwei KinderEinzelTickets würde das Problem lösen.
  • Keine Kindermitnahme bei den Tageskarten. Die Möglichkeit einer Kindermitnahme bei Tageskarten, wie es bei einigen Verbünden angeboten wird, ermöglicht eine einfache Entscheidung ohne großen Rechenaufwand.
  • Kein Tagesdeckel für die Preisstufen 1/A und 2/B bei Nutzung des eezy Tarifs. Hier ist der herkömmliche Tarif mit den Tageskarten (24h Ticket) deutlich preiswerter. Im eezy-Tarif kann es richtig teuer werden. Eine Einführung von Tagesdeckeln für jede Preisstufe erhöht das Vertrauen in elektronische Tarife. Diese sollten der Werbung entsprechend nicht teurer sein als herkömmliche Angebote.
  • Die Berechnung des Mitfahrerpreises insbesondere für Kinder und die Ermittlung des günstigsten Tarifs bei Tageskarten bei mitreisenden Erwachsenen und/oder Kindern sind ausgesprochen rechenintensiv.

Tarife können bei Beachtung weniger Grundregeln gleichzeitig einfacher sowohl für Unternehmen als auch für Fahrgäste gestaltet werden.
So sollte es für jede Relation und Fahrgastkombination (Einzelreisender, Kleingruppe mit bis zu 5 Personen, Kindermitnahme und für Kinder alleine) genau ein Ticket für Fahrten an einem Tag geben. Damit entfällt das Rechnen und der Beratungsaufwand, welcher Fahrschein der Günstigste ist.
Digitale Tarife sollten auf Tagesbasis immer die günstigste Alternative sein. Das erleichtert Unternehmen die Werbung und Fahrgästen die Wahl. Insbesondere für Gelegenheitsfahrgäste ist das eine valide Option für den öffentlichen Verkehr.

„Der Fahrgastverband Pro Bahn bedauert, dass die Neuerungen in Nordrhein-Westfalen beim eezy-tarif dieses Vertrauen verspielen, da die Werbung der Realität nicht standhält.“

Jörg Bruchertseifer, Tarifexperte des Fahrgastverbands Pro Bahn
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