Nach 98 Jahren endete zum 31. Juli 2026 die traditionsreiche und erfolgreiche Geschichte eines tief in der Region verwurzelten privaten Omnibusunternehmens in Baden-Württemberg. Der Verband Baden-Württembergischer Omnibusunternehmen e.V. (WBO) würdigt die herausragende unternehmerische Leistung von Dr. Gisela Volz sowie ihre Verdienste um das Omnibusgewerbe und sieht in der Einstellung des Betriebs von Volz Reisen ein prominentes Beispiel für den grundlegenden Strukturwandel im ÖPNV und die zunehmend herausfordernden Perspektiven für mittelständische Busunternehmen.
„Mit Volz Reisen scheidet nicht irgendein Verkehrsunternehmen aus dem Markt aus. Wir verlieren ein erfolgreiches, mittelständisches Familienunternehmen, das über Generationen Verantwortung für Mobilität übernommen und den öffentlichen Verkehr in seiner Region maßgeblich geprägt hat. Das sollte uns verkehrspolitisch nachdenklich stimmen.“
WBO-Präsident Franz Schweizer
Ausschlaggebend für die Entscheidung zur Betriebseinstellung seien die grundlegenden Veränderungen der Rahmenbedingungen. Mit der Inbetriebnahme der Hermann-Hesse-Bahn entfalle die bisherige wirtschaftliche Grundlage wesentlicher Linienverkehre. Gleichzeitig habe sich der öffentliche Nahverkehr in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Verkehrsangebote würden heute weitgehend von den Aufgabenträgern geplant, in Leistungsbeschreibungen vorgegeben und im Vergabeverfahren vergeben. Für mittelständische Familienunternehmen blieben damit immer weniger Möglichkeiten, Verkehre aus eigener unternehmerischer Verantwortung heraus zu entwickeln und langfristig zu gestalten. Der WBO sieht darin eine Entwicklung, die weit über den Einzelfall hinausweist.
„Der öffentliche Nahverkehr braucht Wettbewerb. Er braucht aber ebenso Unternehmertum. Beides gehört zusammen. Mittelständische Busunternehmen waren und sind Innovationstreiber, Investoren und verlässliche Partner der öffentlichen Hand. Wo unternehmerische Gestaltungsmöglichkeiten verloren gehen, verliert der ÖPNV einen Teil seiner Stärke. Die Mobilitätswende wird nur gelingen, wenn Politik und Aufgabenträger den unternehmerischen Mittelstand nicht lediglich als Auftragnehmer verstehen, sondern als eigenständigen Partner – auf Augenhöhe – begreifen.“
WBO-Geschäftsführerin Yvonne Hüneburg
Der WBO wirbt deshalb für eine stärkere Ausrichtung der verkehrspolitischen Rahmenbedingungen auf langfristige unternehmerische Perspektiven. Dazu gehören verlässliche Investitionsbedingungen, eine größere Offenheit für unternehmerische Lösungen bei der Verkehrsplanung sowie Vergabemodelle, die mittelständischen Unternehmen auch künftig Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen.
Mit der Einstellung des Betriebs von Volz Reisen endet zugleich das unternehmerische Wirken einer Persönlichkeit, die das private Omnibusgewerbe in Baden-Württemberg über Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt hat. Dr. Gisela Volz hat das Unternehmen nicht nur erfolgreich geführt, sondern sich weit über den eigenen Betrieb hinaus für die Belange der privaten Omnibusunternehmen engagiert. Die promovierte Historikerin brachte wissenschaftliche Analyse, unternehmerische Erfahrung und verkehrspolitische Klarheit in die Verbandsarbeit ein. Über Jahrzehnte wirkte sie als Vorstandsmitglied, stellvertretende Vorsitzende und Vorsitzende des WBO in Baden-Württemberg. Darüber hinaus war sie über viele Jahre Vorstandsmitglied des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmen e.V. (bdo) und dessen Vizepräsidentin. Seit 1996 ist Dr. Volz zudem Geschäftsführerin der Verkehrsgesellschaft Bäderkreis Calw mbH (VGC) und wird ihre geschätzte Expertise auch künftig im Rahmen dieser Tätigkeit der Branche zur Verfügung stellen.
„Dr. Gisela Volz gehört zu den Persönlichkeiten, die das Busgewerbe nie allein aus der Perspektive des eigenen Unternehmens betrachtet haben. Sie denkt in historischen Entwicklungen, in wirtschaftlichen Zusammenhängen und in langfristiger Verantwortung. Sie hat unser Gewerbe nicht nur vertreten, sondern wesentlich mitgeprägt. Dafür schuldet ihr die gesamte Branche großen Dank und höchsten Respekt“, würdigt WBO-Präsident Franz Schweizer die Leistung von Dr. Gisela Volz.
Auch als Unternehmerin setzte Dr. Volz Maßstäbe. Nach ihrer wissenschaftlichen Ausbildung und internationalen Forschung in London, Berlin, Chicago und Oxford entschied sie sich bewusst für die Rückkehr in das Familienunternehmen. Dort verband sie wirtschaftlichen Erfolg mit einem hohen kulturellen Anspruch, entwickelte anspruchsvolle Reiseprogramme und führte den Betrieb über Jahrzehnte mit großer Verantwortung für Beschäftigte, Kunden und Region. Für ihre unternehmerischen und ehrenamtlichen Verdienste wurde sie unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande sowie der Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Für den WBO markiert das Ende des Unternehmens Volz Reisen deshalb mehr als das Ausscheiden eines traditionsreichen Betriebes aus dem Markt:
„Wenn Unternehmen wie Volz Reisen keine Zukunftsperspektive mehr sehen, müssen sich Politik und Aufgabenträger die Frage gefallen lassen, wie viel unternehmerische Vielfalt sie künftig noch erhalten wollen. Der Mittelstand hat den öffentlichen Nahverkehr über Jahrzehnte aufgebaut und geprägt. Er muss mit seiner Kompetenz in Sachen Wirtschaftlichkeit und Effizienz auch künftig eine tragende Säule des Systems bleiben, damit den Nutzerinnen und Nutzern auch künftig ein stabiles, verlässliches und bezahlbares ÖPNV-Angebot zur Verfügung steht – insbesondere im ländlichen Raum. Das verantworten das Land und die ÖPNV-Aufgabenträger wesentlich mit“, appelliert WBO-Geschäftsführerin Yvonne Hüneburg.









