Branche bekennt sich zu Standardisierung und beweist Gestaltungswillen

Am 5. und 6. Mai 2026 lud der Bundesverband SchienenNahverkehr (BSN) zum dritten Mal zur Fachtagung Fahrzeuge in den Kulturbahnhof Kassel. Über 100 Branchenexperten haben gemeinsam die in der Charta zur Fahrzeugstandardisierung definierten Ziele und Themenfelder diskutiert und weiterentwickelt.

„Die Branche steht an einem Wendepunkt,“ betonte Bärbel Fuchs, Geschäftsführerin der Bayerischen Eisenbahngesellschaft mbH und Präsidiumsmitglied des BSN in Ihrer Begrüßung. Gemeint ist die große Vielfalt bei Fahrzeugtypen, die zwar regionale Individualisierung ermöglicht, sich aber auf den Lebenszyklus von Schienenfahrzeugen auswirkt und zum Kostenfaktor geworden ist. Zunehmend treffen Personalengpässe bei allen Akteuren auf komplexe Fahrzeugausschreibungen und zeit- und ressourcenintensive Vergabeverfahren mit hohen Beschaffungskosten, langen Lieferfristen und fahrzeugspezifischen Zulassungsverfahren.

Gemeinsam haben sich die SPNV-Aufgabenträger daher vergangenes Jahr dazu selbstverpflichtet, diese vielen Prozesse zu verschlanken und die Anforderungen an Schienenfahrzeuge zu vereinfachen. Aufbauend auf der Charta zur Standardisierung des BSN wurden bei der diesjährigen Fachtagung „Fahrzeuge III“ die bereits entwickelten Lösungsansätze in sechs themenspezifischen Workshops weiterdiskutiert- und entwickelt. BSN-Jurist Dirk Gründler nahm zuvor eine kurze kartellrechtliche Einordnung der Standardisierungsbemühungen in Anlehnung an die Horizontalleitlinien der Europäischen Kommission vor.

In seinem Impulsvortrag stellte Axel Schuppe, Geschäftsführer des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland (VDB), die Grundzüge des VDB-Weißbuch Schienenfahrzeuge vor. Dabei hob er hervor, dass sich die Fahrzeugindustrie ein effizientes Anforderungsmanagement, standardisierte Prozesse und vereinfachte Ausschreibungen bei gleichzeitiger Berücksichtigung technischer Realitäten wünscht.

Am zweiten Tag ermöglichte Volker Rupprecht vom Eisenbahnbundesamt (EBA) eine Einordnung in nationale und europäischen Zulassungsprozesse. Weniger Fahrzeugtypen sowie nachvollziehbare, strukturierte und konsistente Dokumentationen sind entscheidend für die Verkürzung von Zulassungsfristen. Zudem müssen deutsche Branchenvertreter in europäischen Gremien mitwirken und die dort entwickelten Spezifikationen mitgestalten. Den Lebenszyklus weitergedacht veranschaulichte Nico Petersen von der DB Fahrzeuginstandhaltung, wie technische Komplexität heterogener Fahrzeugflotten zum Kostentreiber wird. Dies erschwert das Ersatzteilmanagement und führt zu Zeitverlusten und schlechterer Fahrzeugverfügbarkeit.

Die anschließende Podiumsdiskussion mit Volker Rupprecht (EBA), Nico Petersen (DB Fahrzeuginstandhaltung), Peter Panitz (BSN) und Robert Bollmann (CAF Deutschland) unter Moderation von Volker Heepen (BSN) zeigte, dass eine große Chance in harmonisierten Anforderungen, vereinheitlichten Fahrzeugtypen, prozessualen Vereinfachungen und besserem Datenmanagement liegt. Herausforderung wird sein, in Zukunft konkrete schlanke Vorgaben in Fahrzeugausschreibungen zu machen und zugleich dem Plattformgedanken und der Modularität in der Fahrzeugkonstruktion Rechnung zu tragen. Zudem müssen Instandhaltungsprozesse schon vor der Fahrzeugbeschaffung berücksichtigt werden, um unnötige Kostensteigerungen im Lebenszyklus zu vermeiden.

Abschließend betonte Peter Panitz, Präsident des BSN: „In der Vergangenheit hat jeder Branchenakteur für sich gearbeitet. Es ist jetzt die Zeit, dass Aufgabenträger, Hersteller, Eisenbahnverkehrsunternehmen und Instandhalter in den Dialog kommen. Wir wollen gemeinsam Empfehlungen für Standards erarbeiten, um Ausschreibungen zu vereinfachen, Fahrzeugflotten zu flexibilisieren sowie Beschaffungs- und Instandhaltungskosten langfristig zu reduzieren.“

Volker Heepen koordiniert die Standardisierungsinitiative beim BSN. Er appellierte an die Branche: „Wir müssen uns wieder mehr auf die Kernanforderungen konzentrieren und dabei auch den Mut haben, auf unnötige Spezifikationen zu verzichten. Die Qualität für die Fahrgäste muss dabei weiterhin eine hohe Priorität haben.“

Die andiskutierten Themenfelder werden in sechs themenspezifischen Arbeitsgruppen mit über 90 Mitgliedern aus der Branche fortgeführt. Während der Tagung hat sich die siebte Arbeitsgruppe Finanzierung von Fahrzeugen gegründet und wird nun die Arbeit aufnehmen.

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