Next Step: MINGA!

Vom Pilotbetrieb zum Regelverkehr: Nachdem der automatisierte MAN Lion’s City 12 E seit Anfang September bereits auf der Münchner Linie 178 ohne Fahrgäste im öffentlichen Straßenverkehr erprobt und die Strecke für den autonomen Betrieb vorbereitet und digitalisiert wurde, beginnt im Projekt MINGA nun die nächste entscheidende Phase mit geschlossener Nutzergruppe.

MAN Truck & Bus und die Stadtwerke München (SWM) mit der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) starten gemeinsam mit dem Mobilitätsreferat der Landeshauptstadt München den Betrieb mit Testnutzerinnen und Testnutzern.Ab dem 17. November sollen erstmals Fahrgäste einer geschlossenen Nutzergruppe (nur so ist der Betrieb gemäß der Level 4-Erprobungsgenehmigung zulässig) im vollelektrischen und autonomen MAN eBus zwischen Petuelring und Freimanner Hölzl mitfahren können. Zum Start hatten die MINGA-Partner Pressevertreterinnen und -vertreter zu einer ersten öffentlichen Testfahrt eingeladen und waren damit auf eine erhebliche Resonanz gestoßen. Bei der Fahrt, bei der immer nur die 30 verbauten Sitze belegt werden und keine Fahrgäste stehen dürfen, zeigte sich das ausgewogene Fahrverhalten der Flowride-Software von Automatisierungspartner Adastec, aber auch noch deutlicher Optimierungsbedarf bei einigen unsanften Bremsmanövern. Bisher gibt es für autonome Busse keine Lösungen für die Innenraumüberwachung und den Umgang mit stehenden Fahrgästen. Adastec ist eines der erfolgreichsten Unternehmen der Fahrzeugautomatisierung und hat im norwegischen Stavanger bereits eine Testphase ohne Sicherheitsfahrer erreicht. Im Projekt Albus in Hannover wurde gerade die erste Testphase mit einem Karsan Midibus abgeschlossen.

Große Resonanz für Nutzergruppe

Bundesverkehrsminister Steffen Bilger sagte in einer Videobotschaft: „Autonomes Fahren kann zu einem leistungsfähigen Nahverkehr beitragen. Deshalb unterstützen wir als Bundesverkehrsministerium innovative Projekte – wie MINGA mit rund 13 Millionen Euro. Deutschland ist Autoland. Unser Anspruch muss sein, auch bei Bussen und neuen Mobilitätstechnologien an der Spitze zu stehen. Entscheidend ist, Innovation auf die Straße zu bringen. Dafür müssen Hersteller, Verkehrsunternehmen, Kommunen und Politik gemeinsam vorangehen. MINGA zeigt, wie das in der Praxis gelingen kann.“

Das Interesse der Bevölkerung an der neuen Technologie ist groß: Für eine Mitfahrt im autonomen MAN eBus sind bereits mehr als 2.000 Voranmeldungen für die geschlossene Nutzergruppe eingegangen. Bis Juni 2027 soll der Betrieb mit Testnutzerinnen und Testnutzern laufen und ausgewertet werden. Bis zu diesem Zeitpunkt können Interessierte in dem 12 Meter langen MAN Lion’s City 12 E, der von MAN und seinem neuen Technologiepartner Adastec automatisiert wurde, Platz nehmen. Während des gesamten Projekts befinden sich jederzeit sowohl  Sicherheitsfahrer als auch -operator an Bord, die die Fahrzeugführung bei Bedarf unmittelbar übernehmen können bzw. die AD-Systeme überwachen. Im rund 1,80 m hohen, massiven Serverturm über der Vorderachse sind alleine sechs Rechner verbaut, die sich um die Abarbeitung diverser „Stacks“ oder Arbeitsaufgaben kümmern. Die nächste Generation der Hardware soll aber nur noch halb so groß sein.

Erstmals Barrierefreiheit verstärkt im Fokus

Mit den ersten Testfahrten können Fahrgäste die Technologie nun im Alltag erleben. „Das ist auf den ersten Blick ein kleiner, aber durchaus entscheidender Schritt,“ sagte Frederik Zohm, Vorstand für Forschung und Entwicklung bei MAN Truck & Bus, beim Launchevent. „Denn neben einer sicheren und zuverlässigen Technik braucht es das Vertrauen der Menschen in autonome Fahrzeuge und das möchten wir gewinnen. Die jetzt gewonnenen Erfahrungen aus dem MINGA-Projekt fließen direkt in die Weiterentwicklung zukünftiger Fahrzeuggenerationen und weitere Anwendungen ein. Wir sind froh diese Technologie als deutscher Nutzfahrzeughersteller in Europa für Europa zu entwickeln und das Projekt mit einem so professionell funktionierenden Konsortium umsetzen zu können“, sagt Frederik Zohm.

Auch für die Stadt München stellt MINGA einen echten Meilenstein dar: „Wir sind gespannt auf die Erfahrungen und Anregungen, die uns die Testfahrten liefern werden, und freuen uns, als einer der ersten deutschen Städte einen autonomen Bus-Service umsetzen zu dürfen“, sagt Georg Dunkel, Mobilitätsreferent der Landeshauptstadt München.

Sinaida Cordes, Prokuristin von SWM und MVG, ergänzt den Kollegen: „Entscheidend ist für uns, ob und wie sich autonome Busse skalieren und künftig zuverlässig sowie wirtschaftlich in einen effizienten Linienverkehr integrieren lassen. Mit dem automatisierten 12-Meter-Bus erproben wir dabei erstmals eine Fahrzeuggröße, die das Potenzial für einen leistungsfähigen Einsatz im regulären Busbetrieb bietet.“ Dabei steht vor allem das Thema Barrierefreiheit für die SWM im Fokus, ein Thema, das bisher bei autonomen Fahrzeugen kaum beachtet wurde. Konkrete Vorbereitungen für eine feste Leitstelle, die in Zukunft mehrere autonome Fahrzeuge betreuen wird, gebe es aber noch nicht, so Cordes.

Die Linie 178 als Lernort

Der autonome eBus wird als zusätzliches Fahrzeug auf der bestehenden Linie 178 im Münchener Norden eingesetzt und simuliert einen späteren Einsatz im regulären Linienbetrieb unter möglichst realen Bedingungen. Die Linie sei laut MAN und SWM dafür besonders gut geeignet, da sie unterschiedliche Verkehrssituationen, wie Hauptverkehrsachsen, Tempo-30-Zonen, Parkgebiete und Unterführungen vereint und damit das abwechslungsreiche Münchner Busnetz gut abbildet, gleichzeitig aber keinen übermäßig dichten Stadtverkehr abbildet.

Die Erfahrungen der Fahrgäste während der Testfahrten sollen wichtige Erkenntnisse dazu liefern, wie autonome Fahrsysteme im öffentlichen Nahverkehr betrieben werden können und wie sie von der Öffentlichkeit angenommen werden. Die wissenschaftliche Begleitung des Testbetriebs erfolgt durch die Technische Universität München (TUM) sowie der Universität Stuttgart. Im Rahmen freiwilliger Befragungen vor und nach der Fahrt – dies auch in einer Smartphone App – werden die Eindrücke der Fahrgäste sowie ihr Sicherheitsempfinden erfasst. Ergänzend werden bei ausgewählten Fahrten vertiefende Beobachtungsstudien und freiwillige Interviews mit Fahrgästen zur Bewertung der Akzeptanz und des Sicherheitsempfindens autonomer Fahrzeuge durchgeführt.

Bereits seit Anfang September ist der vollelektrische, automatisierte MAN Lion’s City 12 E, der mit fünf LiDAR-Sensoren, sechs Radaren, acht Kameras und einer satellitengestützten Positionsbestimmung ausgestattet ist, auf der Linie 178 unterwegs. Inwieweit das energetisch sehr fordernde AD-System die Reichweite des Elektrobusses beeinflusst, wird ebenfalls ein Untersuchungsgegenstand von MINGA sein. Begleitet von speziell geschultem Sicherheitsfahrpersonal von MAN und MVG wurden in den letzten Wochen umfangreiche Streckendaten mit allen verbauten Sensoren erfasst und zu einer HD-Karte des Einsatzgebietes (Operational Design Domain, „ODD“) verdichtet. Diese bilden die Grundlage dafür, dass der Stadtbus die Strecke nun eigenständig befahren kann. „Das Fahrzeug lenkt dabei unter anderem selbst, gibt Gas, bremst und blinkt. Das Sicherheitsfahrpersonal bleibt dennoch jederzeit an Bord, um die Systeme zu überwachen“, erklärt Dr. Michael Roth, Leiter Bus-Strategie und Produktstrategie Bus bei MAN. Vor dem Einsatz im öffentlichen Straßenverkehr hat der automatisierte Elektrobus zudem ein umfangreiches Testprogramm auf dem MAN-Gelände erfolgreich absolviert und die erforderlichen technischen Prüfungen durch den TÜV und weitere Genehmigungsverfahren durchlaufen. Bereits im Sommer wurde vom Kraftfahrtbundesamt die Erprobungsgenehmigung nach Level 4 erteilt.

Forschungsvorhaben MINGA läuft bis Juni 2027

Das Forschungsvorhaben MINGA „Münchens automatisierter Nahverkehr mit Ridepooling, Solobus und Bus-Platoons“ bündelt seit 2023 die Kompetenz von insgesamt 16 Partnern aus Verwaltung, Forschung und Wirtschaft. Das Mobilitätsreferat der Landeshauptstadt München verantwortet als Konsortialführer das Gesamtprojekt. Ziel ist es, automatisierte und vernetzte Mobilitätslösungen in das bestehende Verkehrssystem zu integrieren und zentrale Fragestellungen zu Technik, Regulierung, Wirtschaftlichkeit, Barrierefreiheit und Betrieb zu beantworten. Mit dem Partner Ebusco und dem Karlsruher KIT wird auch ein Pooling-Ansatz mit elektronisch gekoppelten Bussen verfolgt. Gefördert wird das Projekt dabei bis Mitte 2027 mit rund 13 Millionen Euro durch das Bundesministerium für Verkehr (BMV) im Rahmen der Förderrichtlinie „Autonomes und vernetztes Fahren in öffentlichen Verkehren“.

Thorsten Wagner

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