Wer Fahrgäste schützen will, muss zuerst das Personal wirksam schützen

Beitrag von Harald Kraus, VDV-Personalausschussvorsitzender und Vorstandsvorsitzender VDV-Akademie

Wer über Sicherheit im ÖPNV spricht, darf nicht „erst“ beim Fahrgast beginnen. Sicherheit entsteht dort, wo Menschen den Betrieb tragen: im Fahrerstand, bei der Zugbegleitung, in der Fahrausweisprüfung, im Service und im Sicherheitsdienst. Sie sprechen Regeln an, entschärfen Konflikte und greifen ein, wenn Grenzen überschritten werden. Wer diese Beschäftigten nicht schützt, kann auch den Fahrgästen kein belastbares Sicherheitsversprechen geben.

Respekt geht verloren

Wie stark sich der Alltag verändert hat, beschreibt ein langjähriger Zugbegleiter in einem ZEIT-Bericht über den tödlichen Angriff auf Serkan Çalar mit bedrückender Klarheit: „Wenn du früher einen Schwarzfahrer erwischt hast, hat der sich entschuldigt und war schweißgebadet. Heute juckt es sie nicht, wenn du sie erwischst.“ Die Zuspitzung ist subjektiv. Als Beschreibung einer veränderten Konfliktlage ist sie dennoch ernst zu nehmen.

Druck wächst spürbar

Die VDV-Branchenumfrage 2026 zeigt, wie stark der Druck auf die Branche gewachsen ist: 75,6 Prozent der befragten Unternehmen berichten von einer verschlechterten oder stark verschlechterten Sicherheitslage. 85,4 Prozent sehen Mitarbeitende belastet oder verunsichert. 92,5 Prozent halten die Präsenz von Sicherheits-, Service- und Prüfpersonal für besonders wirksam.

Auch andere Erhebungen bestätigen das Bild. Auch andere Erhebungen bestätigen das Bild. Eine Untersuchung des Deutschen Forschungsinstituts für öffentliche Verwaltung befragte 1.030 Beschäftigte und 36 Verkehrsunternehmen. 40 Prozent der befragten Beschäftigten gaben an, innerhalb eines Jahres Gewalt erlebt zu haben, vor allem Beleidigungen und Bedrohungen. Nach ihren Angaben wurde etwa zwei Drittel der erlebten Vorfälle nicht gemeldet. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung weist darauf hin, dass rund jeder zehnte meldepflichtige Arbeitsunfall in Verkehrsunternehmen auf Gewalt oder Bedrohung zurückgeht. Von rund 14.500 meldepflichtigen Arbeitsunfällen pro Jahr entfallen demnach 9,5 Prozent beziehungsweise 1.350 Fälle auf Gewalt und Bedrohung.

Hinzu kommen die Daten der Deutschen Bahn: 2025 gab es dort nach Unternehmensangaben mehr als 3.000 Angriffe auf Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, im Durchschnitt acht pro Tag. Rund die Hälfte der Attacken ereignete sich im Regionalverkehr, gut ein Drittel traf Sicherheitskräfte. Das sind alles Zahlen, die alarmieren und dringend zum Handeln auffordern, und zwar Unternehmen ebenso wie die Politik. Als Unternehmen haben wir eine Schutzpflicht gegenüber unseren Beschäftigten, die wir sehr ernst nehmen müssen, und die Politik muss dringend verlässliche Rahmenbedingungen schaffen.

Schutz bindet Menschen

Es zeigt sich: Die Sicherheitsfrage ist längst auch eine Personalfrage. In der Deutschlandumfrage Fahrpersonal Bus & Bahn 2025 bewertet mehr als die Hälfte der Befragten das Image des Berufs negativ; nur 19 Prozent äußern sich positiv. 72,5 Prozent nennen die Dienstplangestaltung als wichtigsten Verbesserungsbereich. Wer Personal gewinnen und halten will, muss deshalb über Respekt, Verlässlichkeit und Schutz im Arbeitsalltag sprechen. Besonders konfliktträchtig ist die Fahrausweisprüfung. Der Sicherheitsbericht 2025 für den Regionalverkehr in Nordrhein-Westfalen zeigt, dass Ticketkontrollen mit 3.793 Erfassungen der häufigste Auslöser sicherheitsrelevanter Konflikte waren. Gut die Hälfte der Vorfälle mit Beleidigungen, Bedrohungen und Körperverletzungen stand dort im Zusammenhang mit Kontrollen.

Wer Fahrausweisprüfung auf Einnahmensicherung reduziert, verkennt die Realität im Betrieb. Wo Regeln durchgesetzt werden, entstehen Konflikte. Fahrausweisprüfung ist deshalb immer auch Sicherheitsarbeit. Und wer diese Aufgabe übernimmt, braucht Schutz, Rückhalt und klare rechtliche Rahmenbedingungen.

Reaktion der Branche: Ein mutiges Zielbild, das provoziert

Die Zahlen sind entmutigend, darum braucht es ein Ziel, das heute vielen unrealistisch erscheint: „Wir verteidigen unseren öffentlichen Raum. Wir machen unsere Bahnhöfe, Stationen und Haltestellen zu den sichersten Orten unserer Städte und Gemeinden.“ Das ist zugespitzt. Gerade deshalb taugt es als Zielbild. Es beschreibt keinen Ist-Zustand, sondern einen Anspruch, an dem sich Verkehrsunternehmen, Kommunen, Länder, Bund, Polizei und soziale Träger messen lassen müssen. Sicherheit für Beschäftigte und Sicherheit für Fahrgäste gehören zusammen. Wer das Personal nicht schützt, schwächt auch das Sicherheitsgefühl der Fahrgäste. Wer die Präsenz im System ausdünnt, verliert Verlässlichkeit, Autorität und Vertrauen.

Präsenz braucht Rückendeckung – von Unternehmen und Politik

Der VDV hat die notwendigen Handlungsfelder benannt. Es braucht mehr sichtbare Präsenz, verlässliche Sicherheits- und Ordnungspartnerschaften, klare Meldewege, moderne Videotechnik und digitale Unterstützungssysteme wie Motics. Es braucht bundeseinheitliche Regeln für die Speicherung von Videoaufnahmen von bis zu 30 Tagen. Es braucht schnellere und praxistaugliche Verfahren, damit Aufzeichnungen in der Realität des Betriebs zügig gesichert und ausgewertet werden können. Es braucht Rechtssicherheit für den Einsatz von Bodycams im Fahrzeug, einschließlich einer klaren Regelung, unter welchen Voraussetzungen Tonaufzeichnungen zulässig sind. Es braucht einen stärkeren rechtlichen Schutz für Kontroll-, Sicherheits- und Fahrpersonal. Und es braucht die klare politische und rechtliche Anerkennung, dass Fahrausweisprüfung Sicherheitsarbeit ist. Ebenso wichtig sind Qualifizierung, Deeskalation und lageangepasste Einsatzkonzepte. Dort, wo das Risiko besonders hoch ist, müssen Doppelbesetzungen, begleitete Kontrollen und eine enge Abstimmung mit Polizei und Ordnungsbehörden selbstverständlich werden.

Der Staat muss handeln

Mehr Präsenz, bessere Technik, Qualifizierung und belastbare Sicherheitsstrukturen gibt es nicht zum Nulltarif. Sicherheit ist Teil der Daseinsvorsorge und muss als Gemeinschaftsaufgabe verlässlich finanziert werden. Wer mehr Fahrgäste gewinnen will, muss den Schutz von Beschäftigten und Fahrgästen mitdenken und bezahlen.

Die Verkehrsunternehmen tragen Verantwortung für ihren Betrieb. Gesellschaftliche Problemlagen und die Folgen fehlender öffentlicher Ordnung dürfen ihnen aber nicht zugeschoben werden. Die Lösung solcher Probleme ist Aufgabe des Staates und der Kommunen. Dafür braucht es Polizei, Ordnungsbehörden und eine handlungsfähige Justiz. Übergriffe auf Beschäftigte dürfen nicht als betriebliche Begleiterscheinung behandelt werden. Wer Menschen für Bus und Bahn gewinnen will, muss ihnen Sicherheit glaubwürdig versprechen können. Dieses Versprechen beginnt beim Schutz der Beschäftigten. Wo das Personal ohne Rückhalt bleibt, verliert am Ende auch der Fahrgast.

Das neue VDV-Positionspapier für mehr Sicherheit finden Sie hier

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