Von Ulf Middelberg, Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft (AfW) beim Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV)
Drei Jahre nach Einführung des Deutschland-Tickets steht der öffentliche Verkehr vor einer doppelten Bewährungsprobe: Das bundesweit gültige Abo hat den Zugang zu Bus und Bahn deutlich vereinfacht. Zugleich verschärfen steigende Betriebskosten bei Material, Personal und ganz aktuell beim Diesel die Voraussetzungen für ein stabiles und ausbaufähiges Verkehrsangebot. Nicht das Deutschland-Ticket steht infrage, sondern die Finanzierungs- und Angebotsgrundlage, die seinen Erfolg tragen muss. Die Tarifrevolution ist ein Fortschritt, braucht aber verlässlich gegenfinanzierte Kosten. Darauf weisen zwei VDV-Branchenumfragen hin, an denen sich jeweils über 100 Verkehrsunternehmen beziehungsweise Verkehrsunternehmen und Verbünde beteiligt haben.
Tarifreform: Erfolg braucht Angebot
Mit dem Deutschland-Ticket wurde ein einfaches bundesweites Zugangsversprechen geschaffen: digital, monatlich verfügbar und für viele Fahrgäste mit spürbaren Einsparungen verbunden. Für Verkehrsunternehmen und Verbünde bedeutet dies zugleich eine strukturelle Veränderung bei Einnahmen, Ausgleichsmechanismen, Vertrieb, Kontrolle und Tarifgovernance. Der zentrale Befund nach drei Jahren lautet: Ohne ein gutes Angebot an Verkehrsleistungen kann auch das beste Ticket nicht dauerhaft erfolgreich sein. Der wichtigste Hebel für mehr Fahrgäste bleibt die Qualität und Dichte des Angebots.
Die VDV-Branchenumfrage zum Deutschland-Ticket zeigt, dass die Branche weiterhin Marktchancen sieht. Rund 70 Prozent der befragten Unternehmen und Verbünde sehen im Deutschland-Ticket Job das größte Wachstumspotenzial. Rund 55 Prozent wünschen sich ein Deutschland-Ticket für Auszubildende, rund 52 Prozent eines für Schüler. Ein bundesweit einheitliches Sozialticket wird von rund 32 Prozent der Befragten unterstützt. Zusätzliche Produkte dürfen allerdings nur dann sinnvoll sein, wenn sie Potenziale heben, ohne die Systemkomplexität weiter zu erhöhen.
Finanzierung: Verlässlichkeit entscheidet
Voraussetzung für den dauerhaften Erfolg des Deutschland-Tickets ist eine verlässliche, dynamisierte und transparente Finanzierung. Der von den Verkehrsministerien der Länder beschlossene Preisindex, der erstmals 2027 angewendet werden soll, ist deshalb ein wichtiger Schritt. Wer ein Aussetzen des Index fordert, ohne die Finanzierungslücke zu schließen, gefährdet den Erfolg des Tickets zulasten der Branche. Das Deutschland-Ticket bleibt mindestens bis 2030. Gerade deshalb müssen Finanzierung und Preisfortschreibung verlässlich bleiben.
Dieselpreise: Ausbau gerät unter Druck
Die VDV-Branchenumfrage Dieselpreise zeigt, dass die Tariffrage nicht isoliert von der Kostenfrage betrachtet werden kann. 89,5 Prozent der antwortenden Unternehmen spüren sehr deutliche oder spürbare Auswirkungen auf die Betriebskosten. 52 Prozent sehen unter den aktuellen Kostenbedingungen keine Angebotsausweitung als möglich an. 83 Prozent halten die geplanten Kraftstoffpreis-Entlastungen der Bundesregierung für nicht ausreichend. Im Durchschnitt sind die monatlichen Kosten für Diesel um rund 27 Prozent gestiegen. Diese Zahlen sind nicht nur betriebswirtschaftlich relevant, sondern verkehrspolitisch entscheidend: Ein günstiges Ticket erzeugt nur dann zusätzliche Mobilität, wenn auch ausreichend Verkehrsleistungen angeboten werden können.
Tankrabatt: ÖPNV wird benachteiligt
Besonders problematisch ist die systematische Schlechterstellung des ÖPNV gegenüber dem Individualverkehr. Für den Individualverkehr entspricht die beschlossene Senkung der Energiesteuern auf Kraftstoffe vom 1. Mai 2026 bis zum 30. Juni 2026 einer Steuerentlastung von 14 Cent pro Liter netto beziehungsweise 17 Cent brutto. Der ÖPNV wird dagegen nur mit neun Cent pro Liter netto entlastet, also brutto mit elf statt 17 Cent. Ausgerechnet diejenigen, die weniger Pkw-Verkehr ermöglichen, erhalten also eine geringere Entlastung als der einzelne Autofahrer.
Systemkosten: Fahrgelder allein reichen nicht
Der ÖPNV ist keine sich selbst tragende Marktleistung, sondern öffentliche Daseinsvorsorge. Laut VDV-Leistungskostengutachten waren im Jahr 2024 etwa 26 Milliarden Euro öffentliche Mittel erforderlich, um den Status quo im ÖPNV zu finanzieren. Zugleich werden die ÖPNV-Aufwendungen nur noch zu rund einem Drittel durch Fahrgeldeinnahmen gedeckt, während zwei Drittel Bund, Länder und Kommunen tragen. Das zeigt: Zusätzliche Belastungen bei Energie, Personal oder Material treffen nicht nur einzelne Unternehmen, sondern die Finanzierungsbasis des gesamten ÖPNV.
Neben der Finanzierung braucht das Deutschland-Ticket eine klare Governance. Ein schlankes, bundesweit verständliches Ticket mit einheitlichen Regeln und Tarifbedingungen ist für Fahrgäste einfacher und für Unternehmen betriebswirtschaftlich sinnvoller. Dazu gehören ein klarer Tarifrahmen, transparente Zuständigkeiten sowie standardisierte Vertriebs- und Kontrollsysteme.
Ticket und Angebot zusammendenken
Die Wirkung des Deutschland-Tickets entscheidet sich über das Angebot – nicht nur in Großstädten, sondern gerade auch in ländlichen Räumen. Dort ist der ÖPNV besonders auf Busleistungen angewiesen, die von Dieselpreisen stark betroffen sein können. Wenn Verkehrsleistungen wegen explodierender Preise zurückgehen, verliert das Deutschland-Ticket nicht wegen seines Preises an Attraktivität, sondern wegen eines schlechter werdenden Angebots.
Deutschland-Ticket und Dieselpreise stehen für dieselbe ordnungspolitische Grundfrage: Wie finanziert Deutschland einen öffentlichen Verkehr, der einfach zugänglich, verlässlich verfügbar und flächendeckend attraktiv ist? Die Antwort kann nur lauten: mit dauerhafter Finanzierung, klarer Governance, funktionierenden digitalen Systemen und einem realistischen Blick auf die Betriebskosten. Ein gutes Ticket ist ein Versprechen. Ein gutes Angebot löst es ein.









